StartAktuellesAugust 2011 - "The Nest" in Nairobi, Kenia. Ein Bericht von Irene Baumgartner

August 2011 - "The Nest" in Nairobi, Kenia. Ein Bericht von Irene Baumgartner

"The Nest" in Nairobi, Kenia. Ein Bericht von Irene Baumgartner

Auf unserer Homepage können Sie laufend Neuigkeiten nachlesen: www.thenesthome.com

Nairobi, 16. August 2011

Liebe Tunza Dada Freunde,

unser Treffen vom Ende Juni in guter Erinnerung, möcht' ich kurz auf die oft gestellte Frage, ob und wie das NEST von der Hungerkatastrophe in Ostafrika betroffen sei, antworten. Sie sind sicher durch die Medien bestens über die Situation in Äthiopien, Somalia und Kenia informiert. Die Bilder, die täglich im Fernsehen gezeigt werden, sind so unsäglich traurig und bewegen unser aller Herzen.
Nun, ich kann nur aus meinem kleinen Umfeld berichten, denn von der Dürre ist ja der Norden Kenias betroffen. Wir spüren natürlich die Folgen dieser Katastrophe, aber davon später.
In den 2 Wochen, in denen ich wieder hier bin, hatten wir viele Besucher, auch einige, die hier ihren Urlaub verbringen und begeistert von der Schönheit der Landschaft und all den Tieren erzählten, die sie in den Parks beobachten konnten. Erstaunlicherweise wussten manche gar nichts von Dürre oder Hunger!
Hier bei uns ist es ja auch kalt (Winter, so um die 10 -15’) und es regnet jeden Tag. Die umliegenden Felder sind grün. Mais, Gemüse, Kartoffeln gedeihen gut, und auch die vielen Blumenfarmen schreiben keine Verluste! In der Zeitung wird davon berichtet, dass Kartoffeln und Grünkohl (beides Standardnahrungsmittel in Kenia) auf den Farmen in Zentralkenia verfaulen, und dass die Bauern die Früchte ihrer Arbeit viel lieber an die Hungernden spenden würden, aber es gibt keinen Transport.
Im Gegensatz zu all dem lesen wir in derselben Zeitung, dass die Menschen im Norden Kenias giftige Wurzeln stundenlang kochen würden, in der Hoffnung sie genießbar zu machen, und dass tausende von Rindern, aber auch Wild-life der Dürre zum Opfer fallen. Die Leitartikel zählen stolz auf, wie viel die Firmen, NGOs, Sportler, Kenianer aus der Diaspora und einfache Kenianer schon für das Hilfsprogramm "Kenyans for Kenyans" gespendet haben. Und in der Tat, es ist ein ermutigend beträchtlicher Betrag: über 1 Mill Euro! Auch die Spenden der Weltgemeinschaft sind in der Presse aufgelistet: 10, 30, 50, 100 Millionen Euro oder Dollar, je nach Kapazität der einzelnen Länder fließen ins Land! Auch die reichen muslimischen Länder spenden große Beträge vor allem nach Somalia.
Entwicklungshilfeminister Niebel war gestern im kenianischen Fernsehen zu betrachten, wie er einem zufriedenen Präsidenten die Hand schüttelt, dem er gerade ankündigt, dass die Bundesrepublik ihre Hilfe auf 120 Mill Euro aufgestockt hat. Davon geht ein Drittel nach Kenia.
Kenia ist ein Land der Kontraste: Letzte Woche konnte man in der Zeitung lesen, dass die Abgeordneten sich weigern, Steuern zu entrichten und dass die Diäten und Pensionen der Parlamentarier und anderer hoher Beamter drastisch erhöht werden sollen. So erhält z.B. der Vorsitzende der Anti-Korruptions Kommission 25.000 € im Monat, dazu 3 Autos (Mercedes) und Benzin, Fahrer, etc., 3 Häuser, Angestellte, verschiedene Zulagen in 10.000er Höhe. Der Präsident, der nächstes Jahr nach 2 Amtsperioden nicht mehr gewählt werden kann, wird etwa 20,000 € im Monat als Pension erhalten, dazu 4 Autos seiner Wahl, 38 Angestellte, ein voll möbliertes Büro und 4 Häuser, und verschiedene andere Zulagen, wie Privatversicherungen, Entertainmentzulage etc. Da er auch noch der Besitzer von riesigen Ländereien hier, Auslandskonten und Immobilien ist, dürfte er seinen Lebensabend wohl genießen! Ähnliches erwartet etwa 300 Abgeordnete und andere hohe Beamte. Soviel zu den Schlagzeilen der letzten Woche!
Nun zum NEST: Wir spüren natürlich wie alle anderen Leute hier die Folgen der hohen Inflation. Der Umtauschkurs zum Euro beträgt im Moment 125 Kshs, letztes Jahr um diese Zeit stand er bei 102 Kshs. Die Preise steigen und steigen.
Vorgestern wurden Strompreiserhöhungen angekündigt. Ein großer Teil des Stroms wird durch Dieselgeneratoren hergestellt, Diesel wird mit US$ eingekauft, daher die Erhöhung - so die Erklärung. Gestern wurde der Benzinpreis wieder angehoben, was natürlich Preiserhöhungen auf allen Gebieten nach sich zieht. Zucker ist rationiert, pro Haushalt gibt es nur 2 kg, mancherorts gibt es gar keinen Zucker mehr. Und so finden sich immer öfter Kinder oder Mütter bei uns ein, die um Nahrungsmittel bitten und denen man ansieht, dass sie Hunger haben. Wir teilen natürlich mit ihnen, was wir haben.alt
Der hohe Benzinpreis macht es außerdem schwierig für uns, die nötigen Hausbesuche im Landesinneren durchzuführen oder auf Anfragen zu reagieren. Im Juli betrugen unsere Ausgaben für Benzin 505 € und für Fahrten mit dem Sammeltaxi (Sozialarbeiter, Kinder, Klientinnen) 130 €. Allein heute mussten wir 4x die Aufnahme eines Kindes ablehnen, weil die Fahrt zu weit gewesen wäre. Dafür wurden allein heute vom Jugendamt ein 3jähriger Bub und ein Neugeborenes bei uns abgeliefert. Wenn ich unser Budget mit dem des Vorjahres vergleiche, so stiegen unsere Gesamtausgaben bisher um 34%. Die Lebensmittel und Schulgeldausgaben um etwa 43%. Ein Beispiel: im Januar kostete ein 90 kg Sack Mais 24 €, im Mai schon 38 € und jetzt 41 €. 1 Sack reicht für etwa 1 Woche. 90 kg Bohnen kosten jetzt 60 € und 50g Reis 38 €. All das bei gleich bleibendem Spendenaufkommen aus dem Ausland (also Deutschland) und reduzierten Spenden aus dem Inland. Wir erhalten kaum lokale Geldspenden, aber dafür ab und zu Sachspenden oder Ermäßigungen bei Einkäufen. So z. B. erhielten wir seit 10 Jahren 5% Discount bei unserem monatlichen (etwa 800-1000 €) Supermarkteinkauf von Seife, Waschmittel, Putzmittel, Desinfektionsmittel, Toilettenpapier, Zahnpasta, etc und Reis, Maismehl, Baby-porridge, Trinkwasser, Zucker, etc. Dieses Arrangement wurde nun letzte Woche gekündigt mit dem Hinweis, die Supermarktkette hätte bereits eine große Summe an den Hilfsfond gespendet. Dasselbe passierte bei unserem Frischmilchlieferanten (täglich), und der Autowerkstatt: dort erhielten wir sogar 50% Ermäßigung. Bisher meldeten sich auch 3 der Schulen, die einige unserer Kinder besuchen, um uns mitzuteilen, dass wir ab jetzt die vollen Zahlungen zu leisten hätten. Auch die Preise für Baumaterial steigen unaufhörlich. Wir hoffen, das Budget für unser Bauvorhaben wird dadurch nicht total gesprengt. Ich möchte mir nicht anmaßen, die Situation hier in Kenia beurteilen zu können. Auch habe ich, als Ausländer, kein Recht eine (vielleicht völlig verkehrte) Meinung zur Sache zu äußern. Deshalb sollen besser unsere einheimischen Mitarbeiter, Besucher oder Freunde zu Wort kommen: "Wir wissen nicht, wo all das viele Geld (die Spenden der Weltgemeinschaft) hingeht!" „Wer hilft denn uns einfachen Leuten, wie sollen wir mit den hohen Preisen zurechtkommen?" alt„Ich musste meine Kinder aus der Schule nehmen, weil ich das Schulgeld nicht mehr bezahlen kann. Jetzt geht nur mehr unser Ältester zur Schule!" „Es war doch schon lange vorher bekannt, dass es zu dieser Katastrophe kommen würde. Aber keiner hat was dagegen unternommen!" "Warum hat der Staat nichts dagegen unternommen, dass es so weit kommen konnte?" „Es ist besser, wenn die reichen Länder uns helfen, wir sind ja arm!“ „Wir haben viele Fragen an unsere Politiker. Aber wir fragen nicht, denn wir kriegen sowieso keine Antworten!“ „Wir sind stolz auf uns, wir können uns selber helfen!“ „In Kenia muss niemand an Hunger sterben. Aber wir können das Geld gut gebrauchen, um die Landwirtschaft zu verbessern.“ „Im nächsten Jahr sind Wahlen, da wird viel Geld gebraucht.“ „Wir können nur hoffen, dass die Spenderorganisationen die Spenden selbst verteilen, sonst kommt nichts an!“ „Die reichen Länder sollen mehr spenden!“ Und zu guter Letzt Stimmen aus dem Angestellten-Meeting vom Freitag: „Wir wollen eine Lohnerhöhung.“ „Wir brauchen bessere Löhne, das Schulgeld ist erhöht worden.“ „Alle Betriebe und Kinderheime erhöhen die Löhne, wann kriegen wir mehr?“ „Wir wissen, dass du mit viel Geld zurückgekommen bist;
Deutschland hat ganz viel gespendet, das haben wir im Radio gehört!“ Nun denn, packen wir’s an! Nur zur Information: die Lohnerhöhung wurde vom Verein bereits beschlossen und kommt ab August! Auch wenn wir im NEST nichts aus dem großen Spendentopf erhalten – wir werden auch diese Krise überstehen und so vielen Kindern helfen, wie wir können. Und was die große Tragödie in Somalia und Äthiopien betrifft, so gibt es Hoffnung: Die große Anteilnahme und Spendenbereitschaft zeugt davon, dass es so schlimm um die viel beklagte Moral der Menschen nicht steht, wenn das Wunder der Brotvermehrung mitten unter uns stattfindet.

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Zuletzt aktualisiert am Montag, den 15. Juli 2013 um 10:54 Uhr

 
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